Die Ereignisse von 1955 - 1977


Im Herbst 1955 verließen die Sowjets den bis dahin von ihnen benutzten Stützpunkt Aspern. Ob sie dies nach dem Prinzip der "verbrannten Erde" taten, oder der traurige Zustand der Anlagen eine Folge von Kriegszerstörungen, Alterung und Plünderungen war – was die Österreicher nach 10 Jahren hermetischer Abriegelung wieder übernahmen, war, abgesehen von den 3 Betonpisten, ein regelrechtes Ruinenfeld. So berichteten Zeitzeugen davon, dass beispielsweise mutwillig in sanitäre Einrichtungen (Waschbecken, Duschanlagen ...) uriniert worden war und dort, sowie auf den Fußböden, haufenweise der Kot von abgezogenen Rotarmisten zu finden war.

Die De Havilland Dragon der österreichischen Rettungsflugwacht führte nach der Wiedereröffnung des Flugplatzes Keuchhustenflüge für Kleinkinder durch. Während des Ungarnaufstandes 1956 wurden mit diesem Flugzeug Medikamente und Hilfsgüter nach Ungarn transportiert. Foto: Österreichisches Luftfahrt-Archiv Ein Wiederaufbau für zivilen Verkehrsflugbetrieb stand schon im Hinblick auf den bereits angelaufenen Ausbau des Schwechater Flughafens nicht mehr zur Debatte und der Patz wurde, da auch das Bundesheer keinen Anspruch auf das Gelände erhob, dem österreichischen Aero-Club als Basis für die Allgemeine Luftfahrt zur Verfügung gestellt. Schon im Mai 1956 waren die Wiederherstellungsarbeiten so weit gediehen, dass die 1954 in Graz-Thalerhof gegründete 1. Österreichische Flieger- und Fallschirmspringerschule nach Aspern übersiedelte und man einen internationalen Flugtag sowie, anlässlich der in Wien tagenden Generalversammlung der FAI, einen Sternflug veranstalten konnte.

Wieder zogen tausende Menschen auf den traditionsreichen, zu neuem Leben erwachten Platz und erfreuten sich der freilich noch recht bescheidenen Vorführungen. Im Oktober 1956 brachten während des Aufstandes in Ungarn Maschinen der Rettungsflugwacht von Aspern aus Sanitätsmaterial nach Budapest, flogen Wegerkundungen für das Rote Kreuz und brachten verletzte Flüchtlinge nach Wien.

Auf dem Flugplatz wurden die Kriegsschäden beseitigt und ein neuer Abfertigungsturm installiert. Am 25. Oktober 1958 erfolgte die Eröffnung des Bauloses 1 mit einer Werft, einer Halle und einem Teil des Flughafengebäudes. Foto: Österreichisches Luftfahrt-Archiv Im folgenden Jahr setzte der planmäßige Ausbau durch die Bundesgebäudeverwaltung ein. Das ehemalige Abfertigungsgebäude wurde saniert, Büro und Schulungsräume für die Pilotenschulen, ein Restaurant, eine kleine Werft sowie ein neuer Hangar wurden errichtet. Bald siedelten sich, neben dem Aero-Club, auch private Luftfahrtunternehmen in Aspern an.

Weiters wurden ein Kontrollturm für die Flugsicherung, eine Tankanlage und weitere Hangars gebaut. Im Oktober 1958 konnten die Anlagen des Bauloses I durch Bundeskanzler Ing. Raab und Verteidigungsminister Graf, zusammen mit der Übergabe von 15 neuen Flugzeugen an den Aero-Club und die Fliegerschule Aspern, feierlich übergeben werden. Vorführungen der Fliegerschule, der Luftstreitkräfte und von Werkspiloten umrahmten den Festakt.

Der Kontrollturm für die Flugsicherung in Aspern. Das Flugzeug im Vordergrund (Kennung OE-VEA) ist die SGP M-222 Flamingo. Diese Maschine war ein viersitziges zweimotoriges Leichtflugzeug des österreichischen Herstellers Simmering-Graz-Pauker und hatte ihren Erstflug am 15. Mai 1959. Foto: Österreichisches Luftfahrt-Archiv In den fünfziger und sechziger Jahren war Aspern Schauplatz eifriger Ausbildungstätigkeit, von Rund-, Bedarfs- und Ralleyflügen, Zwischenlande- bzw. Zielplatz der wiederaufgenommenen Europaflüge der FAI, sowie Basis einer Reihe von Flugtagen, so besonders im Jahre 1962 zur 50-Jahr-Feier des Flugplatzes und 1965 unter ausgezeichneter internationaler Beteiligung. Flugtage, die Erinnerungen an die legendären Flugmeetings der Pionierjahre wachriefen. Noch ein weiteres „goldenes Jubiläum“ wurde gebührend gefeiert: So wie fünf Jahrzehnte vorher bei der Eröffnung der ersten Flugpostlinie, zog am 30. März 1968 eine Ehrenkompanie des Bundesheeres mit Musik auf.

Der Befehlshaber der Luftstreitkräfte und der Generalpostdirektor hielten anlässlich des Ereignisses "50 Jahre Postfluglinie" Ansprachen, ein auf „Brandenburger“ getrimmter Bücker-Doppeldecker flog symbolisch Flugsonderpost von Langenlebarn nach Aspern, wo sie einem AUA-Piloten zur Weiterbeförderung nach Schwechat übergeben wurde. Unter den Ehrengästen befanden sich die letzten vier noch lebenden Postpiloten von 1918.

Der Tower (Kontrollturm für die Flugsicherung) in Aspern 1976. Foto: Archiv In dieser Zeit aber verdichteten sich erneut die bereits wiederholt aufgezogenen Wolken über die Zukunft des Flugplatzes. Neben finanzieller Probleme, mit denen zuerst der Aero-Club und seit 1964 die „Flughafen Aspern Betriebsgesellschaft“ nach Kürzung bzw. Ausbleiben von Subventionen stets zu kämpfen hatten, waren es vor allem Bestrebungen der Gemeinde Wien, das Gelände in ein Siedlungs- oder Industriegebiet umzuwandeln. Dies wurde aber vorerst nach längeren Auseinandersetzungen von der Zivilluftfahrtbehörde durch eine unbefristete Betriebsbewilligung als Zivilflugplatz verhindert. Inzwischen hatten jedoch die Planungen für eine zweite Landebahn für den Flughafen Wien-Schwechat begonnen.

Deren Ausrichtung und die daraus resultierende Einflugschneise erzwangen die Schließung von Aspern. In langen und zähen Verhandlungen zwischen der Flughafen Aspern Betriebsgesellschaft und der Flughafen Wien Betriebsgesellschaft konnte schließlich 1969 eine für beide Teile tragbare Lösung gefunden werden.

Der Flughafen Wien übernahm für die verbleibende Betriebszeit von Aspern die Erhaltung des Platzes und verpflichtete sich als Ersatz den Flugplatz Bad Vöslau zu übernehmen und auszubauen, sowie ein zweites Flugfeld auf dem Gelände des ehemaligen Militärflugplatzes Deutsch-Wagram zu errichten, wobei anmerkend erwähnt werden muss, dass bis heute kein Flugbetrieb auf dem ehemaligen Militärflugfeld Deutsch-Wagram stattfindet. Während in Schwechat die Planung abgeschlossen wurde und der Bau der neuen Piste begann, hatte Aspern noch ein paar Jahre Galgenfrist. Der normale Flugbetrieb wurde, zuletzt bereits stark eingeschränkt, weiter geführt und es konnten noch eine Reihe von Veranstaltungen durchgeführt werden. Unter anderem wurde Aspern 1974 durch den Besuch des Goodyear-Prallluftschiffes „EUROPA“ zum dritten Mal zum Luftschiffhafen“.

Das Goodyear Luftschiff "EUROPA" besuchte 1974 Aspern. Im Hintergrund rechts ist der Tower zu sehen. Foto: Gerhard Bockberger Das Goodyear Luftschiff "EUROPA" in Aspern. Foto: Gerhard Bockberger Das Goodyear Luftschiff "EUROPA" besuchte 1974 Aspern. Im Hintergrund links ist der Tower zu sehen. Foto: Ing. Helmut Wittmann

Von den Zwangspausen abgesehen, stand Aspern stets für Luftfahrzeuge aller Art, vom Modell bis zu Großflugzeugen, vom Fallschirm bis zum Zeppelin und vom Segelflugzeug bis zu Jets und Helikoptern, offen. 1967 wurden 53.237 Bewegungen von Motorflugzeugen sowie 3.073 von Segelflugzeugen registriert. Oft war der Flugplatz auch Schauplatz von Erprobung und Vorführung neuer Entwicklungen oder angebotener Muster heimischer Fertigung. Eine der letzten Demonstrationen hatte fast Symbolcharakter: der Erstflug des damals letzten in Österreich gebauten Motorflugzeuges, einer Job 15, die auf den Namen „Igo Etrich“ getauft wurde, also auf den Namen jenes österreichischen Flugpioniers, dessen berühmte „Tauben“ einst auch in Aspern Triumphe gefeiert hatten.

Der Tower in Aspern. Foto: Gerhard Bockberger Auf dem Flughafen Aspern waren Luftfahrzeuge aller Art im Einsatz. Foto: Gerhard Bockberger Ein abgestelltes Luftfahrzeug in Aspern. Foto: Gerhard Bockberger
Ein einmotoriges Kleinflugzeug in Aspern. Foto: Gerhard Bockberger Eine Pilatus Porter PC-6 in Aspern. Foto: Gerhard Bockberger Auch Segelfliegen wurde in Aspern durchgeführt. Foto: Gerhard Bockberger
Auch Segelfliegen wurde in Aspern durchgeführt. Foto: Gerhard Bockberger Fallschirmspringen wurden in Aspern auch durchgeführt. Foto: Gerhard Bockberger Fallschirmspringen wurden in Aspern auch durchgeführt. Foto: Gerhard Bockberger

Die Flugplatzrennen von Aspern sind ein wichtiger Bestandteil österreichischer Rennsportgeschichte. Eingeführt nach der Katastrophe beim 24-Stunden-Rennen von Le Mans im Jahre 1955, als Formel-1-Rennen in Europa verboten waren.

Der Schauspieler Dr. Gunther Phillip fuhr in den 60er Jahren Autorennen u.a. auch hier in Aspern und siegte 1961, 1963 und 1965 jeweils in der Gran Tourismo-Klasse. Foto: Arthur Fenzlau / Technisches Museum Wien Die erste Veranstaltung fand im Juni 1956 statt und brachte 30.000 Besucher an die Achterschleife, die aus den 3 Hauptpisten und den Rollwegen gebildet wurde. In der Folge wurden die vom "österreichischen Automobil-Sport-Club" hervorragend organisierten Rennen zu einem Höhepunkt der gesellschaftlichen Veranstaltungen in Wien, bei denen sich ein- bis zweimal jährlich die Prominenz aus Politik, Wirtschaft und Kunst ein "Stelldichein" gab. Beim Rennen von 1963 war der saudiarabische König Ibn Saud mit Harem und großem Gefolge anwesend. An den Rennen nahmen berühmte Fahrer wie Joakim Bonnier, Jim Clark, Helmut Marko, Dieter Quester, unser unvergessener Jochen Rindt, und als Anfänger auch ein gewisser Herr Niki Lauda teil. 1975 gewann ein junge Finne namens Keke Rossberg das Rennen der Formel Super Vau. Die letzte Rennveranstaltung vor der Schließung fand am 27. März 1977 statt.

Am 31. März 1977 folgte die endgültige Schließung des Flughafen Wien Aspern. Am 30. April 1977 startete die letzte Maschine. Zum Zeichen der Trauer über die Auflassung des Flughafens zog sie eine schwarze Fahne hinter sich her.