Die Ereignisse von 1912 - 1914


Die internationale Flugwoche in Wien - 23. bis 30. Juni 1912

Titelseite des Programms vom 1. Internationalen Flugmeeting 1912 auf dem Flugfeld Aspern. Foto: Österreichisches Luftfahrt-Archiv Das Flugfeld Aspern wurde am 23. Juni 1912 mit einer Internationalen Flugwoche eröffnet. Die Bezeichnung „international“ war durchaus gerechtfertigt, denn mehr als die Hälfte der 44 Teilnehmer kam aus dem Ausland: aus dem Deutschen Reich, Frankreich, Italien, Rumänien, Russland, der Schweiz und sogar dem fernen Peru. Umso größer war die Freude, dass sich die heimischen Piloten und Konstrukteure in diesem hochkarätigen Starterfeld sehr erfolgreich behaupten konnten. Ein erheblicher Teil der recht beachtlichen Preisgelder (je Wettbewerb zw. 5.000 und 30.000 Kronen), die von öffentlichen und privaten Sponsoren und Institutionen (20.000 Kronen stellte seine Majestät, Kaiser und König Franz Josef zur Verfügung) gespendet worden waren, blieb im Lande. Gewertet wurden Höhe, Distanz, Geschwindigkeit, Steigfähigkeit, Ziel- und Notlandung sowie Kreisflug. Einer der berühmtesten Piloten dieser Zeit, der Franzose Roland Garros, bescheinigte den Veranstaltern, dass die Flugwoche in dreifacher Hinsicht ein voller Erfolg gewesen ist:
  1. Organisation:
    Es gäbe keinen glaubwürdig vorzubringenden Vorwurf von Versäumnissen.
  2. Öffentlichkeit:
    Die gesamte Presse hat sich in uneigennütziger Weise um die Veranstaltung verdient gemacht und das Publikum großes Interesse und Begeisterung gezeigt (am vorletzten Tag kamen 50.000 Zuseher)
  3. Sportlichkeit:
    Es gab viele Rekorde bei dieser Veranstaltung; 2 Höhenrekorde durch Oblt. von Blaschke auf einem Fluggerät, gänzlich aus österreichischer Konstruktion und Produktion. Oder 4.300 m Höhe mit einem Passagier (ebenfalls durch. Blaschke), 201,8 km Distanz, 2:25:37 Flugdauer oder Steigzeit auf 1.000 m Höhe in 4:50 Minuten.
Für damalige Zeitgenossen waren diese, uns heute als bescheiden anmutenden, Leistungen wahre Wunder, die sich über der Erde von Aspern abgespielt hatten. „Alles war berauscht von den herrlichen Flügen, die uns diese Tage geboten hatten“. Mag uns dieser Enthusiasmus auch übertrieben erscheinen, fest steht immerhin, dass Österreich im legendären „Zwölferjahr“ mit 18 stehenden und 23 Weltrekorden insgesamt an zweiter Stelle hinter Frankreich in der Rangliste der Luftfahrt lag. Weit vor den USA oder dem Deutschen Reich. Das größte Problem bei dieser Veranstaltung waren zweifelsfrei An- und Abtransport der tausenden Besucher. Man zählte 6.000 Wagen, Autos, Fiaker, Einspänner, Last- und Möbelwagen. Man stand dem unerwarteten Menschenandrang, der vor allem in Stadlau zu chaotischen Verhältnissen führte (denn hier kreuzten sich die verschiedenen Verkehrsmittel), mehr oder weniger hilflos gegenüber.

Besuch des Luftschiffes „Sachsen“ am 9. Juni 1913

Das Luftschiff 'Sachsen' landete am 9. Juni 1913 in Wien Aspern. Foto: Österreichisches Luftfahrt-Archiv Öfters schon hätte Graf Zeppelin nach Wien kommen sollen. Dieses Ereignis aber war immer wieder verschoben worden. Am 9.6.1913 war es endlich so weit. Von Baden aus kommend, schwebte das Luftschiff „Sachsen“ mit dem Grafen von Zeppelin und seinem engsten Mitarbeiter, Dr. Hugo Eckner an Bord, in Wien ein. Der Zeppelin, wie das Luftschiff umgangssprachlich genannt wurde, war gegen Mitternacht aus Deutschland abgeflogen. Nach einer großen Schleife über Wien „umfuhr“ es das Schloss Schönbrunn, um den Kaiser zu begrüßen. Dann ging es weiter über die südlichen und östlichen Bezirke nach Aspern. Am Flugfeld waren hohe Persönlichkeiten der Stadt angetreten um den Grafen Zeppelin willkommen zu heißen.

Der Flug des Luftschiffes erforderte beträchtliche Vorbereitungen: Entlang der geplanten Flugroute mussten Zwischenstationen geschaffen werden mit Hallen, Gasanstalten, Reparaturwerkstätten usw. Wegen eines nahenden Gewitters dauerte der Aufenthalt der „Sachsen“ in Wien nur einige Stunden. „Graf Zeppelin, ein Virtuose in Sachen Ausharren, Durchhalten und überwinden von Schwierigkeiten, kam mit dem Riesenkörper seines Luftschiffes in rasender Geschwindigkeit von nahezu 90 km/h, ein Rekord für sich, über die Hügellandschaft des Wienerwaldes und über die Stadt, um in der angesagten Minute dem alten Friedenskaiser und seinem an ihm hängenden Volke sein „Grüß Gott!“ zunicken zu können“, schrieb die Wiener Luftschiffer-Zeitung. Vom Ereignis „Der Zeppelin in Wien“ sprach man noch viele Jahre.

2. Internationales Flugmeeting in Wien - 15. bis 22. Juni 1913

Situationsplan des Flugfeld Aspern während des 2. Internationales Flugmeetings. Grafik: Österreichisches Luftfahrt-Archiv Das größte aviatische Ereignis des Jahres 1913 bildete wohl das 2. Internationale Flugmeeting in Aspern. Die Hektik auf dem Flugfeld begann bereits eine Woche vor Beginn der Veranstaltung. Die Tribünen wurden auf Hochglanz gebracht und die nötigen organisatorischen Vorbereitungen getroffen. Vor allem aber kamen die ersten Piloten mit ihren Maschinen an, die Kisten von den weit Anreisenden mussten ausgepackt und die Flugzeuge zusammengebaut werden.

Als Preise konnten insgesamt 140.000 Kronen aufgebracht werden, die bei täglichen Konkurrenzen für Dauer- und Distanzflug sowie Flugzeugkonstruktionen zur Verteilung kamen. Ferner folgten auf die Veranstaltungstage verteilt folgende Wettbewerbe:
  • Höhenflüge
  • Steiggeschwindigkeitsbewerbe
  • Geschwindigkeitsmessungen
  • Messung der Differenz von Höchst- und Minimalgeschwindigkeit
  • Notlandemanöver
  • Achterflüge
  • Die schnellsten Runden und eigene Damen-Höhenflugwettbewerbe.
Wie schon im Jahre zuvor dominierten die österreicher bei den Höhen- und Distanzflügen, die Franzosen in Geschwindigkeit und Steigleistung; einen 1. Preis im Dauerflug errang der Peruaner Bielovucic mit 3:25:13. Erstmalig nahmen auch zwei Damen, die Französin Mde. Palliers und die österreicherin Lilly Steinschneider, an der Konkurrenz teil. Auch das Militär - 1912 hatten Offizierspiloten noch unter Pseudonym starten müssen – trat zum ersten Mal stärker in Erscheinung: „Der Luftflottentag am 23. Juni schloss das Meeting aufs Großartigste ab... Es war ein wahrhaft prächtiger Anblick! Die Apparate (8 Lohner-Pfeilflugzeuge) zogen in 1000 m Höhe in Formation über das Flugfeld und warfen während ihrer Rundflüge Blumenbuketts herunter!“ Dass solche Apparate weniger als ein Jahr später ganz andere Dinge abwerfen sollten, ahnten damals wohl nur wenige.

Am 22. Juni kam es zu einem schweren Unfall: Gleich nach Beginn der Vorführung flog der Franzose Molla wieder zur Startbahn zurück und kam dem startenden Piloten Stanger entgegen.

Beide flogen knapp übereinander hinweg, wobei ein Propeller die Tragfläche des anderen berührte. Ein Absturz war unvermeidlich. Stranger und sein Passagier, Fregattenltd. Nepallek, mussten zum Teil mit schweren Verletzungen ins Spital gebracht werden. Allgemein freute man sich über den Besuch des Monarchen und die Hofberichtserstattung notierte: „ ...interessierte sich der Kaiser überaus lebhaft für die Leistungen, die von den Fliegern gezeigt wurden. Mit gespannter Aufmerksamkeit beobachtete er sie durch den Feldstecher und häufig tauschte er, sichtlich aufs Angenehmste angeregt, mit den ihn umgebenden Mitgliedern des Hofes Bemerkungen aus“. Diesmal erzielte man durch ein weiträumiges Einbahnsystem eine gewisse Entflechtung des Verkehrs. Man führte von da an bei Massenveranstaltungen auf dem Flugfeld die Dampftramway, die sich wegen ihrer dichten Zugsfolge als arges Verkehrshindernis erwies, nur bis zum Asperner Siegesplatz. Die Presse vermerkte lobend, dass „... der Verkehr durch ein wahres Massenaufgebot von Polizei zu Pferde und zu Fuß geregelt wurde, deren Dienst glänzend organisiert war und tadellos funktionierte“. So konnte man befriedigt das Resümee ziehen: „Das Wiener Flugmeeting 1913 war ein voller und ganzer Erfolg!“ Die Aviatik schien auf dem Höhepunkt ihrer Vollendung zu sein.

Am 9. März 1914 ereignete sich der erste tödliche Unfall in Aspern: Mit einem Lohner-Pfeilflugzeug stürzten Oberleutnant Eugen Elsner, der bereits die Alpen von Wien nach Görz überflogen hatte, und sein Passagier, Zugsführer Philipp Srna, durch Flügelbruch ab.

Schauflüge des Baron Pasquiers am 12. und 13. April 1914

Der ehrgeizige Flugpionier und Kunstflieger, Baron Robert Pasquiers, damals 27 Jahre alt, wollte alle anderen Kunstflugpiloten übertreffen. Zum Osterwochenende 1914 führte er mit großem fliegerischen Können ein grandioses Kunstflugprogramm dem staunenden Publikum vor. Das Programm bestand aus:
  • Aufstieg
  • Schrägflug
  • Looping
  • Rückenflug
  • Kehrtwendung in die normale Fluglage
  • Spiralen- und Schleifenflug
  • Abstieg im korkenzieherartigen Gleitflug, etc.
Die Flüge absolvierte er in einem Bleriot-Flugapparat. Anschließend an seine Darbietungen führten seine Begleiter Fallschirmsprünge aus ca. 400 m Höhe vor. Kpt. Ernest Bourhis führte einen Absprung aus einem Deperdussin-Monoplan, mit dem Piloten Lemoines am Steuer, aus. Bedingt durch den plötzlichen Gewichtsverlust geriet das Fluggerät aber außer Kontrolle und schlug hart auf dem Flugfeld auf. Bei der anschließenden Untersuchung der Trümmer stellte man aber fest, dass sich während des Ausstiegs ein Teil des Fallschirmes in den Seilen des Höhensteuers (bei damaligen Fluggeräten verliefen diese noch außerhalb des Rumpfes) verfangen hatte und dabei das Höhenleitwerk samt Ruder beschädigte. Der Pilot konnte diesen Steuerflächen-Verlust nicht mehr ausgleichen, was zwangsläufig zur Bruchlandung führte. Glücklicherweise wurde Lemoines nur verletzt und Bourhis konnte trotz eingerissenen Schirms glatt landen. Die Vorführungen für den Ostermontag mussten aber leider abgesagt werden.

3. Wiener Flugmeeting in Aspern – 21. bis 29. Juni 1914

Wie in den beiden Jahren zuvor wurde das Flugfest von der Wiener Flugfeldgesellschaft unter der sportlichen Leitung des k.k. österreichischen Aero Clubs und unter dem Protektorat des Erzherzog Leopold Salvator durchgeführt. Namhafte Geldbeträge für die Gewinne hatten die Stadt Wien, das k.k. Kriegsministerium, das k.k. Arbeitsministerium, das k.k. Ministerium für Kultur und Unterricht, das k.k. Marineministerium und andere zahlreiche Institutionen und Persönlichkeiten gespendet. Trotz der Höhepunkte von 1913 glaubte man noch eine weitere Steigerung feststellen zu können. Die deutsche Fachzeitschrift „Motor“ konstatierte: „Mit Recht wurde das Wiener Meeting »das Weltderby der Lüfte« genannt. Das, was man in Wien zu sehen bekam, war das Höchste, was die Fliegerei heute zu bieten vermag. Im Ganzen genommen übertraf die Dritte Wiener Flugwoche ihre beiden Vorgängerinnen noch bei Weitem und diese Feststellung genügt, um sie hinlänglich zu charakterisieren.“ Es nahmen 32 Piloten teil, die aus allen damals im Flugsport führenden Nationen stammten. Wieder waren zahlreiche Bestleistungen, darunter fünf Höhenweltrekorde, aufgestellt worden. Die Maximalpreise teilten sich für Dauer- und Höhenflug Piloten aus Österreich-Ungarn und dem Deutschen Reich, für Steiggeschwindigkeiten die Franzosen.

Vielleicht stieg in manchem von ihnen die Ahnung auf, dass sie einander bald in einem ganz anderen Kampf gegenüberstehen sollten, als am vorletzten Tag des Meetings die Schüsse von Sarajevo fielen, deren Echo vertausendfacht vier Jahre in aller Welt nachhallte! Mit dem 3. Wiener Flugmeeting am Beginn des Ersten Weltkrieges endete die erste große Glanzzeit Asperns.